WhatsApp

Impulse für Unternehmer

Vielleicht sollten wir wieder lernen, richtig zuzuhören

Wann hast du das letzte Mal einem Menschen wirklich zugehört? Nicht nur geschwiegen, während die andere Person spricht. Nicht bereits im Kopf die eigene Antwort vorbereitet. Nicht zwischendurch auf das Smartphone geschaut. Sondern tatsächlich versucht zu verstehen, was dir dein Gegenüber sagen möchte.

Diese Frage beschäftigt mich zunehmend. Wir verfügen heute über mehr Möglichkeiten zur Kommunikation als je zuvor. Wir schreiben Nachrichten, verschicken Sprachnachrichten, kommentieren Beiträge, führen Videogespräche und sind beinahe permanent erreichbar. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass genau jene Form der Kommunikation schwieriger geworden ist, die keine technische Plattform benötigt: einem Menschen aufmerksam zuzuhören.

Vielleicht kommunizieren wir nicht zu wenig. Vielleicht senden wir zu viel und hören zu wenig.

Was echtes Zuhören eigentlich bedeutet

Zuhören klingt zunächst nach einer einfachen Tätigkeit. Eine Person spricht, die andere schweigt. Doch aus psychologischer Sicht ist hochwertiges Zuhören wesentlich anspruchsvoller. In der aktuellen Forschung wird es als ein Prozess beschrieben, der insbesondere drei Elemente umfasst: Aufmerksamkeit, Verständnis und eine positive Absicht gegenüber dem Gegenüber.

Die 2025 in Communications Psychology veröffentlichte Studie High quality listening behaviors linked to social connection between strangers untersucht genau diesen Zusammenhang. In zwei vorregistrierten Studien mit insgesamt 646 Teilnehmenden zeigte sich, dass beobachtbares hochwertiges Zuhören mit stärkerer sozialer Verbundenheit zusammenhing. Besonders relevant waren verbale Bestätigung und sinnvolle Folgefragen.

Echtes Zuhören bedeutet deshalb weit mehr, als das Gegenüber ausreden zu lassen. Es verlangt die Bereitschaft, die eigene Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit vollständig einer anderen Person zur Verfügung zu stellen. Wir versuchen nicht nur, einzelne Wörter zu erfassen. Wir versuchen, die Geschichte dahinter zu verstehen.

Zuhören beginnt mit Präsenz

Die ersten Signale guten Zuhörens sind erstaunlich unspektakulär. Wir schauen unser Gegenüber an. Wir legen das Smartphone zur Seite. Wir reagieren auf das Gesagte. Wir sprechen die Person gelegentlich mit ihrem Namen an, sofern dies natürlich wirkt. Vor allem aber vermitteln wir: Meine Aufmerksamkeit gehört im Moment dir.

Auch Augenkontakt spielt dabei eine Rolle. Der Psychologe Jari K. Hietanen fasste in seinem wissenschaftlichen Übersichtsartikel Affective Eye Contact: An Integrative Review zahlreiche Erkenntnisse zur Wirkung direkten Blickkontakts zusammen. Direkter Blick beeinflusst Aufmerksamkeitsprozesse und soziale Wahrnehmung und kann signalisieren, dass die Aufmerksamkeit tatsächlich beim Gegenüber liegt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass guter Blickkontakt aus permanentem Anstarren besteht. Kommunikation bleibt kontextabhängig. Persönlichkeit, Situation und kulturelle Unterschiede spielen eine Rolle. Entscheidend ist weniger eine vermeintlich perfekte Technik als die wahrnehmbare Präsenz.

Dasselbe gilt für die Verwendung des Namens. Einen Menschen beim Namen anzusprechen kann ein Gespräch persönlicher machen. Es vermittelt Individualität und Aufmerksamkeit. Als künstliche Gesprächstechnik eingesetzt, verliert diese Wirkung jedoch schnell ihre Glaubwürdigkeit. Echtes Zuhören lässt sich nicht auf Tricks reduzieren.

Die eigentliche Herausforderung beginnt im Kopf

Äusserlich aufmerksam zu wirken ist vergleichsweise einfach. Schwieriger ist die innere Arbeit. Haben wir tatsächlich die mentale Kapazität, uns auf die Geschichte einer anderen Person einzulassen?

Zuhören benötigt Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Während eines Gesprächs nehmen wir Inhalte auf, ordnen Zusammenhänge ein, beobachten Emotionen und vergleichen das Gehörte automatisch mit eigenen Erfahrungen. Gleichzeitig entsteht häufig bereits der Impuls, eine Antwort zu formulieren.

Genau hier verändert sich die Qualität eines Gesprächs. Sobald wir hauptsächlich darauf warten, selbst wieder sprechen zu können, hören wir zwar akustisch noch zu, beschäftigen uns gedanklich aber bereits mit uns selbst.

Besonders deutlich wird dies, wenn das Gegenüber eine Ansicht vertritt, die der eigenen widerspricht. Dann beginnt im Kopf schnell eine Gegenrede: Das stimmt so nicht. Dazu kenne ich ein Gegenbeispiel. Gleich erkläre ich, weshalb ich das anders sehe.

Das Gegenüber spricht noch. Unsere Aufmerksamkeit hat das Gespräch jedoch bereits verlassen.

Zuhören bedeutet nicht zustimmen

Eine der aus meiner Sicht wichtigsten Unterscheidungen lautet deshalb: Zuhören ist nicht dasselbe wie Zustimmung.

Genau dieser Punkt wurde 2024 in einer bemerkenswerten Untersuchung von Zhiying Ren und Rebecca Schaumberg analysiert. In Disagreement Gets Mistaken for Bad Listening untersuchten die Forschenden in elf Studien insgesamt 3’396 Erwachsene.

Das Resultat ist gesellschaftlich ausgesprochen interessant: Menschen beurteilten Gesprächspartner, die ihnen widersprachen, als schlechtere Zuhörende. Dieser Effekt zeigte sich selbst dann, wenn das objektive Zuhörverhalten konstant gehalten wurde. Mit anderen Worten: Wir können das Gefühl haben, dass uns jemand nicht zugehört hat, obwohl diese Person sehr wohl aufmerksam zugehört hat. Der entscheidende Unterschied besteht möglicherweise lediglich darin, dass sie anschliessend zu einer anderen Schlussfolgerung gelangt.

Vielleicht verwechseln wir deshalb erstaunlich häufig zwei Aussagen:

Für eine offene Gesellschaft ist diese Differenz zentral. Echtes Zuhören verlangt nicht, die eigene Haltung aufzugeben. Es verlangt zunächst lediglich, die Perspektive des Gegenübers ernsthaft verstehen zu wollen.

Eine gute Frage kann wertvoller sein als eine gute Antwort

Ein wesentlicher Bestandteil hochwertigen Zuhörens sind Folgefragen. Nicht Fragen, die lediglich dazu dienen, das Gespräch möglichst schnell wieder zur eigenen Geschichte zurückzuführen, sondern Fragen, die aus echtem Interesse entstehen.

Eine Person sagt beispielsweise: «Die vergangenen Wochen waren für mich sehr schwierig.» Eine häufige Reaktion lautet: «Das kenne ich. Bei mir war es kürzlich genauso.» Innerhalb weniger Sekunden hat sich das Gespräch verschoben. Statt weiter bei der Erfahrung des Gegenübers zu bleiben, erzählen wir über uns selbst.

Echtes Zuhören könnte anders aussehen:

Die bereits erwähnte Studie von West und Kolleginnen und Kollegen liefert dafür interessante empirische Hinweise. Relevante Folgefragen und verbale Bestätigung standen in den untersuchten Gesprächen mit verschiedenen Merkmalen sozialer Verbundenheit in Zusammenhang. Wer aufgreift, was zuvor erzählt wurde, vermittelt etwas sehr Einfaches und gleichzeitig sehr Bedeutsames: Deine Geschichte ist bei mir angekommen.

Gutes Zuhören braucht Raum für Reflexion

Im unternehmerischen Kontext halte ich diesen Punkt für besonders relevant. Je grösser die Verantwortung wird, desto seltener gibt es Gespräche, in denen nichts dargestellt, verkauft oder verteidigt werden muss. Genau deshalb habe ich bereits im Beitrag Warum Unternehmer einen Sparringspartner brauchen darüber geschrieben, weshalb ein unabhängiges Gegenüber wertvoll sein kann.

Ein gutes Gegenüber liefert nicht zwingend sofort Antworten. Es hört zu, stellt Fragen, erkennt Zusammenhänge und lässt Gedanken entstehen. Das klingt passiv, ist jedoch eine anspruchsvolle Form geistiger Arbeit.

Zuhören und Reflexion gehören deshalb eng zusammen. Wer einem Menschen Raum gibt, seine Gedanken vollständig auszusprechen, ermöglicht häufig erst jene Klarheit, die im hektischen Alltag fehlt. Dieser Gedanke knüpft unmittelbar an meinen Beitrag Klarheit im Unternehmertum beginnt mit ehrlicher Reflexion an. Klarheit entsteht nicht immer dadurch, dass zusätzliche Informationen hinzukommen. Manchmal entsteht sie dadurch, dass vorhandene Gedanken erstmals in Ruhe ausgesprochen und gehört werden.

Haben wir verlernt zuzuhören?

Meine persönliche Wahrnehmung lautet: Wir können heute nicht mehr besonders gut zuhören. Wissenschaftlich wäre es jedoch unseriös, diese Beobachtung einfach als bewiesene Tatsache darzustellen.

Es existiert keine umfassende Langzeitstudie, aus der sich ableiten liesse, dass die allgemeine Zuhörfähigkeit der Bevölkerung über die vergangenen Jahrzehnte um einen bestimmten Wert gesunken sei. Es gibt jedoch Daten, die zeigen, dass sich unsere sozialen Kontakte verändern und dass fehlende soziale Verbundenheit zu einem bedeutenden gesellschaftlichen Thema geworden ist.

Der OECD Bericht «Social Connections and Loneliness in OECD Countries» von 2025 enthält dazu bemerkenswerte Zahlen. Bei den 16 bis 24 Jährigen sank der Anteil jener Personen, die täglich persönlichen Kontakt mit Freunden hatten, von 53 Prozent im Jahr 2006 auf 44 Prozent im Jahr 2015 und auf 36 Prozent im Jahr 2022.

Diese Zahlen beweisen nicht, dass junge Menschen schlechter zuhören. Eine solche Schlussfolgerung wäre wissenschaftlich nicht haltbar. Sie zeigen jedoch, dass sich die Häufigkeit direkter persönlicher Begegnungen deutlich verändert hat. Und genau solche Begegnungen sind der Ort, an dem wir komplexe soziale Fähigkeiten wie Zuhören, Nachfragen, Schweigen, Reagieren und das Aushalten unterschiedlicher Sichtweisen einüben.

Auch die WHO Commission on Social Connection beschreibt soziale Isolation und Einsamkeit in ihrem Bericht von 2025 als ernst zu nehmende gesellschaftliche und gesundheitliche Themen. Nach aktuellen Schätzungen der WHO erlebt ungefähr jede sechste Person weltweit Einsamkeit. Bei Jugendlichen liegen die Werte noch höher.

Auch daraus lässt sich keine einfache Kausalität ableiten. Einsamkeit hat zahlreiche Ursachen. Trotzdem drängt sich eine Frage auf: Wie kann eine Gesellschaft technisch immer stärker vernetzt sein und gleichzeitig ein erhebliches Problem mit fehlender sozialer Verbundenheit haben?

Vielleicht haben wir weniger ein Kommunikationsproblem als ein Aufmerksamkeitsproblem

Unsere digitale Umgebung konkurriert permanent um Aufmerksamkeit. Nachrichten erscheinen auf dem Bildschirm, neue Inhalte stehen jederzeit zur Verfügung, E Mails treffen ein und soziale Plattformen bieten endlose Möglichkeiten für den nächsten Reiz. Kommunikation wird dadurch schneller und effizienter. Aufmerksamkeit wird gleichzeitig fragmentierter.

Echtes Zuhören funktioniert nach einem gegenteiligen Prinzip. Es verlangt, die Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit nicht zu wechseln. Es verlangt auch, den eigenen Mitteilungsdrang zurückzustellen und zu akzeptieren, dass es während einiger Minuten nicht um die eigene Geschichte geht.

Vielleicht ist genau das inzwischen eine unterschätzte Form von Grosszügigkeit: einem anderen Menschen ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.

Was wir konkret wieder üben könnten

Gutes Zuhören benötigt aus meiner Sicht keine komplizierte Methode. Viele der wirkungsvollsten Verhaltensweisen sind erstaunlich einfach. Einfach bedeutet allerdings nicht automatisch leicht.

  1. Das Smartphone ausser Reichweite legen. Aufmerksamkeit lässt sich leichter schenken, wenn nicht gleichzeitig ein zweiter Kommunikationskanal um sie konkurriert.
  2. Das Gegenüber anschauen. Natürlicher Blickkontakt vermittelt Präsenz, ohne daraus eine künstliche Technik zu machen.
  3. Ausreden lassen. Nicht jede kurze Pause bedeutet, dass ein Gedanke abgeschlossen ist.
  4. Nachfragen. Eine ernst gemeinte Folgefrage ist oft wertvoller als die nächste eigene Geschichte.
  5. Details aufgreifen. Wer später auf etwas zurückkommt, das zuvor erwähnt wurde, zeigt, dass tatsächlich zugehört wurde.
  6. Die eigene Antwort verzögern. Es darf einen kurzen Moment still sein, bevor eine Reaktion folgt.
  7. Widerspruch aushalten. Eine andere Meinung ist nicht automatisch ein Angriff.
  8. Nicht sofort Lösungen anbieten. Nicht jede Person, die von einer Schwierigkeit erzählt, sucht unmittelbar nach einem Ratschlag.

Vielleicht sollten wir wieder lernen, richtig zuzuhören

Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto weniger erscheint mir Zuhören als blosse Kommunikationstechnik. Echtes Zuhören ist vielmehr eine Haltung gegenüber einem anderen Menschen.

Sie sagt: Du bist es wert, dass ich dir meine Aufmerksamkeit schenke. Ich muss deine Geschichte nicht sofort beurteilen. Ich muss sie nicht mit meiner eigenen übertreffen. Ich muss auch nicht zwingend deiner Meinung sein. Aber ich versuche zunächst zu verstehen, weshalb du denkst, fühlst oder handelst, wie du es tust.

Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht mehr Kommunikation. Vielleicht brauchen wir bessere Gespräche. Weniger senden und mehr aufnehmen. Weniger reagieren und mehr nachfragen. Weniger darauf warten, selbst wieder sprechen zu können, und häufiger versuchen, wirklich zu verstehen.

Ein gutes Gespräch erkennt sich möglicherweise nicht daran, wie viel gesagt wurde. Sondern daran, ob sich danach zwei Menschen ein wenig besser verstanden haben.

Häufige Fragen zum echten Zuhören

Was ist der Unterschied zwischen Hören und Zuhören?

Hören bezeichnet zunächst die Wahrnehmung akustischer Signale. Zuhören verlangt zusätzlich Aufmerksamkeit und Verarbeitung. Echtes Zuhören geht noch weiter: Die zuhörende Person versucht, Inhalt, Bedeutung, Emotionen und Perspektive des Gegenübers zu verstehen.

Was bedeutet aktives Zuhören?

Aktives Zuhören beschreibt bewusstes und sichtbares Zuhörverhalten. Dazu gehören beispielsweise Folgefragen, verbale Bestätigung, das Aufgreifen zuvor erwähnter Inhalte sowie eine aufmerksame Körpersprache. Die Forschung zu hochwertigem Zuhören beschreibt darüber hinaus Aufmerksamkeit, Verständnis und positive Intention als zentrale Bestandteile.

Muss ich einer Person zustimmen, um gut zuzuhören?

Nein. Zuhören und Zustimmung sind zwei unterschiedliche Vorgänge. Die Forschung von Ren und Schaumberg zeigt sogar, dass Menschen Widerspruch häufig fälschlicherweise als Hinweis auf schlechtes Zuhören interpretieren. Eine Person kann deine Argumentation vollständig verstanden haben und trotzdem zu einem anderen Ergebnis gelangen.

Warum sind Folgefragen beim Zuhören so wichtig?

Folgefragen zeigen, dass das Gesagte aufgenommen und verarbeitet wurde. Besonders wertvoll sind Fragen, die sich konkret auf einen zuvor erwähnten Inhalt beziehen. Die Studie von West und Kolleginnen und Kollegen aus dem Jahr 2025 fand einen Zusammenhang zwischen solchen Zuhörverhaltensweisen und verschiedenen Merkmalen sozialer Verbundenheit.

Wie wichtig ist Augenkontakt beim Zuhören?

Augenkontakt kann Aufmerksamkeit und soziale Präsenz signalisieren. Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zeigen, dass direkter Blick verschiedene Aufmerksamkeitsprozesse und emotionale Reaktionen beeinflusst. Entscheidend bleibt jedoch der Kontext. Natürlicher Blickkontakt ist sinnvoller als starres oder künstlich eingeübtes Anschauen.

Sollte ich mein Gegenüber beim Namen nennen?

Der Name kann einem Gespräch eine persönliche Qualität geben und Aufmerksamkeit signalisieren. Entscheidend ist, dass seine Verwendung natürlich bleibt. Wird der Name auffällig häufig eingesetzt, kann das Gegenteil entstehen und die Kommunikation wirkt inszeniert.

Kann echtes Zuhören gelernt werden?

Ja. Zuhören besteht aus Verhaltensweisen und Aufmerksamkeitsprozessen, die bewusst trainiert werden können. Eine einfache Übung besteht darin, in einem Gespräch zunächst zwei ernst gemeinte Folgefragen zu stellen, bevor die eigene Erfahrung oder Meinung eingebracht wird. Ebenso hilfreich ist es, nach einem Gespräch zu prüfen, welche konkreten Aussagen und Gefühle des Gegenübers tatsächlich in Erinnerung geblieben sind.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur