Unternehmertum wird gerne mit Freiheit verbunden. Mit Selbstbestimmung, Gestaltungsmöglichkeiten, Erfolg und der Möglichkeit, etwas Eigenes aufzubauen. All das gehört dazu. Es gibt aber eine zweite Seite, über die wesentlich weniger gesprochen wird: Was passiert eigentlich mit dem Menschen hinter dem Unternehmen?
Mit der Person, die Entscheidungen treffen muss, obwohl die Informationslage unvollständig ist. Die Verantwortung für Mitarbeitende, Kunden, Kapital und Familie trägt. Die nach aussen Zuversicht vermitteln soll und gleichzeitig selbst nicht immer weiss, ob die nächste Entscheidung richtig ist.
Unternehmertum kann ausserordentlich erfüllend sein. Es kann aber auch psychisch fordernd werden. Und irgendwann stellt sich eine erstaunlich einfache Frage: Mit wem kann ich eigentlich über all das sprechen?
Psychische Gesundheit von Unternehmern: Die Forschung zeigt ein differenziertes Bild
Es wäre zu einfach zu behaupten, Unternehmer seien grundsätzlich psychisch stärker belastet als Angestellte. Die wissenschaftliche Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Unternehmertum kann das Wohlbefinden durch Autonomie, Selbstbestimmung, Sinn und Gestaltungsmöglichkeiten stärken. Gleichzeitig entstehen spezifische Belastungen, die sich aus Verantwortung, Unsicherheit, Arbeitsintensität und fehlender Abgrenzung ergeben können.
Eine umfassende wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Ute Stephan führte bereits 2018 Erkenntnisse aus 144 empirischen Studien zur psychischen Gesundheit und zum Wohlbefinden von Unternehmern zusammen. Neuere Forschungsarbeiten haben das Bild weiter differenziert. Besonders häufig diskutiert werden heute:
- chronischer Stress und hohe Arbeitsbelastung,
- finanzielle Unsicherheit und wirtschaftlicher Druck,
- fehlende Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben,
- Schlafprobleme und unzureichende Erholung,
- emotionale Belastungen und schwierige Personalentscheidungen,
- soziale Isolation und fehlende Unterstützung,
- Burnout und längerfristige Erschöpfung.
Ein systematischer Review aus dem Jahr 2025 untersuchte 43 Studien zur psychischen Gesundheit Selbstständiger. Als wiederkehrende Einflussfaktoren identifizierten die Forschenden unter anderem finanzielle Unsicherheit und soziale Absicherung. Ein weiterer aktueller Review zum unternehmerischen Burnout wertete 47 wissenschaftliche Arbeiten aus und beschreibt Burnout als mögliches Resultat länger anhaltender unternehmerischer Belastungen.
Die entscheidende Erkenntnis lautet deshalb nicht: Unternehmertum macht krank. Vielmehr schafft Unternehmertum eine besondere Kombination aus Freiheit, Verantwortung, Unsicherheit und Belastung. Wie wir mit dieser Kombination umgehen, kann für die langfristige psychische Gesundheit entscheidend sein.
Das Unternehmen geht am Abend nicht nach Hause
Eine Besonderheit unternehmerischer Verantwortung besteht darin, dass sie keine klare zeitliche Grenze kennt. Ein offener Rechtsfall verschwindet am Abend nicht. Die angespannte Liquiditätssituation löst sich über Nacht nicht. Der Konflikt mit einer Schlüsselperson wartet am nächsten Morgen noch immer. Und die strategische Entscheidung, auf die seit Wochen eine überzeugende Antwort fehlt, liegt am Sonntagmorgen möglicherweise ebenfalls mit am Frühstückstisch.
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung zur täglichen Erholung von Unternehmern zeigt, wie relevant dieser Punkt ist. Untersucht wurden französische Inhaber kleiner Unternehmen. Im Vergleich zu Erkenntnissen aus der Forschung mit Angestellten berichteten sie weniger Erholungserfahrungen. Gleichzeitig war eine höhere Qualität der täglichen Erholung mit höherem Wohlbefinden und geringerem Burnout verbunden.
Problematisch wird es deshalb möglicherweise lange bevor eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird. Erste Veränderungen können wesentlich unspektakulärer aussehen:
- Der Schlaf wird schlechter.
- Gedanken an das Unternehmen lassen sich kaum noch abschalten.
- Die eigene Geduld nimmt ab.
- Entscheidungen werden aufgeschoben oder zunehmend impulsiv getroffen.
- Freizeit fühlt sich nicht mehr wie Erholung an.
- Die Freude an Dingen ausserhalb der Arbeit nimmt ab.
- Die eigene Stimmung hängt immer stärker vom Unternehmen ab.
- Probleme werden mit noch mehr Arbeit beantwortet.
Wenn Arbeit gleichzeitig Aufgabe und Flucht wird
Gerade Unternehmer verfügen über eine gesellschaftlich erstaunlich akzeptierte Möglichkeit, unangenehmen Gedanken auszuweichen: Sie können arbeiten. Es gibt praktisch immer etwas zu tun. Noch eine E Mail, noch eine Analyse, noch eine Präsentation, noch eine Idee, noch eine Optimierung.
Produktivität ist dabei ein schwieriger Massstab. Wer zwölf Stunden arbeitet, wird möglicherweise sogar für seinen Einsatz bewundert. Ob diese zwölf Stunden tatsächlich notwendig waren oder ob ein Teil davon dazu dient, bestimmte Gedanken nicht denken zu müssen, ist von aussen kaum sichtbar.
Stefan Merath beschreibt diese andere Seite des Unternehmertums aus eigener Erfahrung sehr offen. In seinem Beitrag über die Einsamkeit des Unternehmers schildert er, wie sich seine Lebenswelt mit zunehmender unternehmerischer Verantwortung von seinem ursprünglichen sozialen Umfeld entfernte. Plötzlich ging es um hohe finanzielle Beträge, Mitarbeitende und Entscheidungen, für die es im bisherigen Umfeld kaum vergleichbare Erfahrungen gab.
Seine Erfahrung führt zu einem wichtigen Gedanken: Es genügt nicht, Menschen um sich zu haben. Entscheidend ist, ob es Menschen gibt, mit denen wir über das sprechen können, was uns tatsächlich beschäftigt.
An der Spitze wird der Kreis der möglichen Gesprächspartner kleiner
Ein Unternehmen kann wachsen, während der persönliche Gesprächsraum gleichzeitig kleiner wird. Das klingt zunächst widersprüchlich. Wer ein Unternehmen führt, spricht schliesslich den ganzen Tag mit Menschen. Aber Kommunikation und ein wirklich vertrauliches Gespräch sind zwei unterschiedliche Dinge.
Mit zunehmender Verantwortung entstehen Themen, die nicht beliebig geteilt werden können:
- Mit Mitarbeitenden kann nicht jede Sorge über die Zukunft des Unternehmens besprochen werden.
- Eine bevorstehende Trennung von einer Schlüsselperson kann nicht im Team reflektiert werden.
- Finanzielle Sorgen möchte man nicht zwingend in die gesamte Organisation tragen.
- Geschäftspartner haben möglicherweise eigene Interessen.
- Freunde können emotional unterstützen, verstehen aber nicht immer die unternehmerische Dimension.
- Die Partnerschaft soll ein Ort der Nähe bleiben und nicht zum permanenten unternehmerischen Krisengespräch werden.
- In Unternehmernetzwerken wird zwar viel gesprochen, aber nicht automatisch alles ausgesprochen.
So kann eine paradoxe Situation entstehen: Man führt täglich zahlreiche Gespräche und hat trotzdem niemanden, dem man sagen kann, wie es einem wirklich geht.
Einsamkeit bedeutet nicht, allein zu sein
Dieser Gedanke führt direkt zum Thema Resonanz und der Frage, weshalb wir ständig verbunden sind und uns trotzdem immer weniger begegnen. Die Anzahl unserer Kontakte sagt wenig darüber aus, wie verbunden wir uns tatsächlich fühlen. Entscheidend ist auch die Qualität der Beziehung und die Möglichkeit, sich mit relevanten Gedanken zeigen zu können.
Gerade bei unternehmerischer Verantwortung kann dies bedeuten, dass ein Mensch gesellschaftlich hervorragend vernetzt ist, täglich Besprechungen führt, Mitarbeitende beschäftigt, eine Familie hat und trotzdem mit bestimmten Fragen vollkommen allein bleibt.
Vielleicht gehören dazu Fragen, die nach aussen wenig spektakulär klingen, innerlich aber erhebliches Gewicht haben:
- Will ich dieses Unternehmen überhaupt noch führen?
- Warum macht mich mein Erfolg nicht zufriedener?
- Habe ich Angst vor einer Entscheidung, die eigentlich längst fällig wäre?
- Kann ich einer wichtigen Person in meinem Unternehmen noch vertrauen?
- Warum bin ich permanent erschöpft?
- Was passiert, wenn ich nicht mehr kann?
- Ist mein Unternehmen noch Teil meines Lebens oder ist mein Leben inzwischen Teil des Unternehmens?
Solche Fragen benötigen keinen Small Talk. Sie benötigen einen Raum, in dem nichts dargestellt werden muss.
Psychische Gesundheit beginnt nicht erst mit einer Diagnose
Wenn wir über psychische Gesundheit sprechen, denken wir schnell an Depression, Angststörungen oder Burnout. Psychische Gesundheit umfasst jedoch wesentlich mehr. Interessant ist in diesem Zusammenhang der 2025 entwickelte «Entrepreneur Well Being Check», ein wissenschaftliches Screening Instrument, das spezifisch für Unternehmer entwickelt und mit 314 Unternehmern untersucht wurde.
Die zugrunde liegende Forschung betrachtet psychische Gesundheit breit. Berücksichtigt werden unter anderem:
- allgemeines Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit,
- soziale Funktionsfähigkeit,
- berufliche Funktionsfähigkeit,
- Burnout und der Wunsch, die berufliche Tätigkeit aufzugeben,
- negative Emotionalität,
- Ärger und Feindseligkeit,
- Substanzkonsum,
- Schlafprobleme.
Diese Perspektive gefällt mir, weil sie psychische Gesundheit nicht erst dort beginnen lässt, wo bereits eine klinische Diagnose vorliegt. Wir dürfen wesentlich früher hinschauen.
Ein persönlicher Check, bevor die Krise kommt
Vielleicht lohnt es sich deshalb, sich regelmässig einige unbequeme Fragen zu stellen. Nicht als medizinische Selbstdiagnose, sondern als ehrliche Standortbestimmung:
- Wie schlafe ich seit einigen Wochen?
- Kann ich noch abschalten?
- Bin ich gereizter geworden?
- Habe ich ausserhalb meines Unternehmens noch Dinge, auf die ich mich freue?
- Treffe ich Entscheidungen noch mit der notwendigen Ruhe?
- Wie häufig empfinde ich echte Erholung?
- Welche Gedanken beschäftigen mich immer wieder?
- Welche Entscheidung schiebe ich seit Wochen oder Monaten auf?
- Welche Wahrheit über meine aktuelle Situation möchte ich vielleicht nicht wahrhaben?
- Mit wem kann ich über all das vollkommen offen sprechen?
Gerade die letzte Frage halte ich für zentral.
Was Unternehmer konkret für ihre psychische Gesundheit tun können
Es gibt keine einzelne Massnahme, die psychische Gesundheit garantiert. Die aktuelle Forschung zeigt vielmehr ein Zusammenspiel persönlicher, beruflicher, finanzieller und sozialer Faktoren. Ein sinnvoller Umgang mit der eigenen psychischen Gesundheit kann deshalb auf mehreren Ebenen ansetzen.
- Erholung als Teil der Arbeit verstehen. Schlaf, Bewegung, freie Zeit und tatsächliche Erholung sind keine Belohnung nach getaner Arbeit. Sie helfen dabei, die Ressourcen zu erhalten, die für langfristige Leistungsfähigkeit notwendig sind.
- Grenzen schaffen. Wenn das Unternehmen jederzeit und überall präsent sein kann, müssen Grenzen zunehmend bewusst hergestellt werden.
- Finanzielle Unsicherheit reduzieren. Reserven, Szenarien und realistische Planung sind nicht nur betriebswirtschaftliche Instrumente. Finanzielle Unsicherheit wird in der Forschung auch als relevanter Faktor für die psychische Belastung Selbstständiger beschrieben.
- Warnsignale ernst nehmen. Anhaltende Schlafprobleme, zunehmender Rückzug, Gereiztheit, Erschöpfung oder ein problematischer Umgang mit Alkohol oder anderen Substanzen sollten nicht als normaler Preis des Unternehmertums abgetan werden.
- Identität ausserhalb des Unternehmens bewahren. Wenn Selbstwert, soziale Kontakte, Anerkennung und Lebensinhalt vollständig vom Unternehmen abhängen, wird jede unternehmerische Krise schnell zu einer persönlichen Krise.
- Beziehungen bewusst pflegen. Soziale Unterstützung sollte nicht dem Zufall überlassen werden. Familie, Freundschaften, andere Unternehmer und persönliche Bezugspersonen können unterschiedliche Funktionen übernehmen.
- Professionelle Hilfe nutzen, wenn sie notwendig ist. Psychotherapie, ärztliche oder psychiatrische Unterstützung können durch Coaching, Mentoring oder Sparring nicht ersetzt werden. Bei anhaltenden oder erheblichen psychischen Beschwerden gehören qualifizierte Fachpersonen dazu.
- Einen vertraulichen Gesprächsraum schaffen. Idealerweise nicht erst dann, wenn die Situation eskaliert, sondern als Bestandteil unternehmerischer Selbstführung.
Vielleicht braucht jeder Unternehmer ein persönliches Gegenüber
Der letzte Punkt wird aus meiner Sicht unterschätzt. Es gibt Menschen, mit denen wir über bestimmte Dinge sprechen. Und dann gibt es im Idealfall einen Menschen, dem wir alles sagen können, was für unsere Situation relevant ist.
Ein solches Gegenüber kann eine enge Freundschaft sein, eine andere unternehmerisch erfahrene Person, ein Mentor, eine Therapeutin oder ein Therapeut oder ein professioneller Sparringspartner. Die Bezeichnung ist zunächst zweitrangig. Entscheidend ist, welche Qualität dieser Gesprächsraum besitzt.
Ein wirklich persönliches Gegenüber sollte einen Rahmen ermöglichen, in dem ich:
- nicht beeindrucken muss,
- keine Stärke darstellen muss,
- einen unfertigen Gedanken aussprechen darf,
- meine Unsicherheit zeigen kann,
- über einen Fehler sprechen kann, ohne mein Gesicht zu verlieren,
- eine Entscheidung zehnmal drehen darf,
- etwas sagen kann, das den Raum nicht verlässt,
- Widerspruch bekomme, wenn ich ihn brauche,
- keine fertige Lösung präsentieren muss.
Das führt zu einem Gedanken, den ich bereits im Artikel Warum Unternehmer einen Sparringspartner brauchen aufgegriffen habe: Mit zunehmender Verantwortung wird ein unabhängiges Gegenüber nicht weniger, sondern möglicherweise wichtiger.
Vertraulichkeit verändert die Qualität eines Gesprächs
Ein vertraulicher Rahmen ermöglicht ungefiltertes Denken. Ich darf einen Gedanken aussprechen, bevor ich weiss, ob ich ihn morgen noch richtig finde. Gerade das kann für Unternehmer wertvoll sein, weil viele Gedanken im beruflichen Umfeld unmittelbar Konsequenzen auslösen können.
In einem geschützten Raum darf ich hingegen sagen:
- Ich weiss gerade nicht weiter.
- Ich glaube, ich habe eine falsche Entscheidung getroffen.
- Ich habe Angst vor dem nächsten Schritt.
- Ich bin wütend und weiss noch nicht, ob diese Wut berechtigt ist.
- Ich vertraue einer Person nicht mehr.
- Ich möchte etwas verändern, traue mich aber noch nicht.
- Eigentlich läuft alles gut und trotzdem bin ich nicht zufrieden.
Manche Gedanken werden erst klar, wenn wir sie aussprechen. Und manchmal braucht es dafür keinen Menschen, der sofort eine Lösung präsentiert, sondern zunächst jemanden, der wirklich zuhört.
Genau hier schliesst sich der Kreis zum Thema Resonanz: Ein gutes Gespräch besteht nicht nur aus Informationsaustausch. Es kann ein Raum sein, in dem ein Mensch sich selbst klarer wahrnimmt, weil ein anderer Mensch aufmerksam anwesend ist.
Rechenschaft ohne Rechtfertigung
Ein persönliches Gegenüber kann noch eine zweite Funktion übernehmen: Rechenschaft. Im Englischen wird dafür häufig der Begriff «Accountability Partner» verwendet. Gemeint ist keine hierarchische Kontrolle. Vielmehr geben wir einer anderen Person bewusst Einblick in unsere Ziele, Entscheidungen und Fortschritte.
Ein solches Gegenüber darf Fragen stellen, denen wir allein vielleicht ausweichen würden:
- Was wolltest du seit unserem letzten Gespräch verändern?
- Hast du es getan?
- Wenn nicht, weshalb nicht?
- Ist das tatsächlich ein Hindernis oder eine gute Erklärung dafür, nichts tun zu müssen?
- Warum sprichst du seit drei Monaten über dieselbe Entscheidung?
- Was wäre die Konsequenz, wenn du noch ein weiteres Jahr nichts veränderst?
- Welche Antwort kennst du eigentlich längst?
Das hat viel mit ehrlicher Reflexion und Klarheit im Unternehmertum zu tun. Manche Muster erkennen wir selbst erstaunlich schlecht. Ein gutes Gegenüber nimmt uns die Entscheidung nicht ab. Es hilft uns aber dabei, unsere eigenen Erklärungen, Ausreden und blinden Flecken zu erkennen.
Ehrlichkeit ist wichtiger als Harmonie
Ein gutes persönliches Gegenüber muss deshalb nicht immer angenehm sein. Ein Gespräch kann wertvoll sein, gerade weil jemand bereit ist, etwas auszusprechen, das andere Menschen vielleicht nicht sagen würden.
Das kann bedeuten, Sätze zu hören wie:
- Ich glaube, du machst dir gerade etwas vor.
- Du sprichst seit Monaten darüber. Weshalb hast du noch nichts verändert?
- Ist das wirklich eine unternehmerische Entscheidung oder hast du Angst vor dem Konflikt?
- Du erwartest gerade etwas von deinem Team, das du selbst nicht vorlebst.
- Vielleicht brauchst du nicht noch mehr Informationen, sondern eine Entscheidung.
- Ich glaube, dieses Thema gehört nicht ins Sparring, sondern zu einer psychologischen oder medizinischen Fachperson.
Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Ein Sparringspartner ist kein Psychotherapeut und sollte niemals so tun, als wäre er einer. Ein verantwortungsvolles Gegenüber kennt auch die Grenzen der eigenen Rolle.
Das persönliche Gegenüber als Teil unternehmerischer Selbstführung
Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Unterstützung der psychischen Gesundheit von Unternehmern nennt neben einem besseren Verständnis psychischer Gesundheit und strukturellen Massnahmen ausdrücklich auch die Stärkung sozialer Netzwerke und psychologischer Unterstützung als wichtige Ansatzpunkte.
Das finde ich bemerkenswert. Denn soziale Unterstützung behandeln wir häufig wie etwas, das zufällig vorhanden ist. Man hat gute Freunde oder eben nicht. Man kennt andere Unternehmer oder eben nicht. Man hat jemanden zum Reden oder eben nicht.
Vielleicht sollten wir anders darüber denken. Unternehmer planen schliesslich auch andere Ressourcen bewusst:
- Wir bauen Liquiditätsreserven auf.
- Wir schliessen Versicherungen ab.
- Wir suchen gute Mitarbeitende.
- Wir installieren Kontrollsysteme.
- Wir lassen uns rechtlich und steuerlich beraten.
- Wir bilden Verwaltungsräte und Führungsteams.
Warum sollte ausgerechnet das persönliche Unterstützungssystem vollständig dem Zufall überlassen werden?
Wer trägt eigentlich den, der die Verantwortung trägt?
Vielleicht besteht unternehmerische Stärke nicht darin, mit allem allein zurechtzukommen. Vielleicht zeigt sich Reife auch darin, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, Belastungen früh zu erkennen und Unterstützung anzunehmen, bevor sie zwingend notwendig wird.
Stefan Merath beschreibt aus seiner eigenen unternehmerischen Erfahrung, wie wichtig für ihn der Austausch mit Menschen wurde, die seine Herausforderungen tatsächlich nachvollziehen konnten. Der entscheidende Punkt ist dabei aus meiner Sicht nicht die Anzahl der Kontakte. Es ist die Qualität der Beziehung.
Neben Familie, Freundschaften, Gemeinschaft und professioneller Unterstützung braucht es vielleicht auch dieses eine persönliche Gegenüber:
- eine Person, die zuhört,
- die nachfragt,
- die sich erinnert, was ich vor drei Monaten gesagt habe,
- die meine Ausreden zunehmend gut kennt,
- die vertraulich mit dem umgeht, was ich ihr erzähle,
- die mir widerspricht,
- die mir nicht gefallen muss,
- die keine eigene Agenda verfolgt,
- und vor der ich weder erfolgreicher noch stärker erscheinen muss, als ich gerade bin.
Vielleicht gehört ein solcher Mensch zur unternehmerischen Vorsorge genauso selbstverständlich wie Erholung, Bewegung, Schlaf und finanzielle Reserven.
Denn manchmal braucht es keine weitere Methode, keine neue App und kein weiteres Buch. Sondern einen Menschen, dem ich sagen kann:
So sieht es bei mir wirklich aus.
Quellen und weiterführende Literatur
- Stephan, U. (2018): Entrepreneurs‘ mental health and well-being: A review and research agenda. Academy of Management Perspectives. Systematische Übersichtsarbeit auf Basis von 144 empirischen Studien.
- Wen, H. & Gao, Y. (2025): Mental Health Problems of Self-Employed Workers: A Systematic Review of Potential Moderators. Journal of Evidence-Based Social Work, 22(2), 207–233.
- Delladio, S. & Caputo, A. (2025): When the tank is empty: Reviewing burnout in entrepreneurship. Journal of Small Business Management, 63(5), 2320–2356. Systematischer Review von 47 Studien.
- Delladio, S. & Caputo, A. (2025): Supporting entrepreneurial mental health: Policy recommendations from a review of entrepreneurial burnout. Die Übersichtsarbeit hebt unter anderem Mental Health Literacy, soziale Netzwerke und psychologische Unterstützung hervor.
- Small Business Economics (2025): Mental health of entrepreneurs and daily recovery experiences. Open Access Studie zum Zusammenhang von Erholung, Wohlbefinden und Burnout bei Inhabern kleiner Unternehmen.
- Freeman, M. A., Mazza, A. & Johnson, S. L. (2025): The entrepreneur well-being check: a screener for entrepreneur mental health and well-being. International Journal of Entrepreneurial Behavior & Research. Entwicklung und Validierung eines spezifischen Screening Instruments mit 314 Unternehmern.
- Yu, X., Meng, X., Stockdall, K., Lanivich, S. E. & Cao, G. (2025): A meta-analysis of the antecedents of entrepreneurial well-being. Journal of Business Research. Metaanalyse zu persönlichen, beruflichen, finanziellen, sozialen und kontextuellen Einflussfaktoren auf unternehmerisches Wohlbefinden.
- Merath, S. (2024): Die Einsamkeit des Unternehmers und wie man sie auflöst. Persönliche unternehmerische Perspektive auf Einsamkeit, fehlenden Austausch und Gemeinschaft.
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltenden oder starken psychischen Beschwerden sollte professionelle Unterstützung durch entsprechend qualifizierte Fachpersonen in Anspruch genommen werden.