Kann man Glück berechnen? Nicht im mathematischen Sinn. Aber eine einfache Formel kann sichtbar machen, weshalb dieselbe Lebenssituation zwei Menschen völlig unterschiedlich belastet – und an welchen Punkten Veränderung möglich wird.
Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken: Wenn mein Beruf erfüllender wäre, meine Beziehung harmonischer oder mein Alltag leichter, wäre ich glücklich. Darin steckt eine nachvollziehbare Annahme: Erst muss sich die Realität verändern, dann darf sich das eigene Erleben verändern.
Die psychologische Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Unser Wohlbefinden hängt nicht nur davon ab, was geschieht, sondern auch davon,
- was wir erwartet haben,
- wie wir das Geschehen wahrnehmen,
- wie flexibel wir unsere Erwartungen aktualisieren,
- wie wir mit unangenehmen Gedanken und Gefühlen umgehen,
- und ob wir trotz einer schwierigen Realität werteorientiert handeln können.
Als Coachingmodell lässt sich diese Dynamik mit folgender Ausgangsformel beschreiben:
Glück = (erwartete Realität − echte Realität) / Akzeptanz
Diese Formel ist kein anerkanntes psychologisches Gesetz und kein diagnostisches Instrument. Wörtlich-mathematisch ist sie sogar missverständlich: Wenn die erwartete Realität besser ist als die tatsächliche, beschreibt die Differenz eher Enttäuschung als Glück. Sinnvoll wird die Formel erst, wenn wir ihre Bestandteile psychologisch präzisieren. Genau das tun wir in diesem Beitrag.
Das Wichtigste in Kürze
- Ergebnisse werden emotional danach bewertet, wie sie zu unseren Erwartungen passen.
- Zu hohe Erwartungen können enttäuschen; dauerhaft pessimistische Erwartungen machen jedoch nicht automatisch glücklicher.
- Realitätsnahe, flexible Erwartungen sind langfristig hilfreicher als künstlich niedrige Erwartungen.
- Akzeptanz bedeutet nicht Resignation. Sie bedeutet, die gegenwärtige Lage und das eigene Erleben anzuerkennen, ohne den Versuch aufzugeben, sinnvoll zu handeln.
- Glück ist mehr als die Abwesenheit von Enttäuschung. Beziehungen, Gesundheit, Sinn, Selbstmitgefühl und werteorientiertes Handeln bleiben zentrale Faktoren.
Wer die eigene Situation praktisch untersuchen möchte, kann direkt zur Standortbestimmung springen. Vertiefend passen dazu die Beiträge über Glaubenssätze im Business, ehrliche Reflexion und Klarheit im Unternehmertum sowie Entscheidungen ohne ständiges Aufschieben.
Woher stammt die Glücksformel?
Der bekannte Merksatz „Glück = Realität − Erwartungen“ kursiert seit Jahrzehnten. Eine frühe auffindbare Druckquelle ist das Buch Why Marriage? von Edward E. Ford und Robert L. Zorn aus dem Jahr 1974, wo die Aussage bereits als Zitat ohne eindeutigen Urheber erscheint. Später wurde sie unter anderem von den Ökonomen Rakesh Sarin und Manel Baucells in Engineering Happiness, vom Mediziner Amit Sood und durch Mo Gawdats Buch Solve for Happy popularisiert.[1–3]
Die Idee der Akzeptanz erinnert an ein zweites, vor allem in Achtsamkeitskreisen verbreitetes Modell des Meditationslehrers Shinzen Young:
Leiden = Schmerz × Widerstand[4]
Beide Formeln sind anschauliche Metaphern. Keine davon bildet das komplexe Konstrukt „Glück“ vollständig ab. Zusammen weisen sie aber auf zwei psychologisch relevante Prozesse hin:
- Diskrepanz: Wie stark weicht das Erlebte vom Erwarteten ab?
- Umgang: Wie flexibel oder widerständig reagieren wir auf diese Abweichung?
Damit entsteht eine wissenschaftlich anschlussfähige Arbeitshypothese – nicht als exakte Rechnung, sondern als Landkarte für Reflexion und Veränderung.
1. Warum Erwartungen unser momentanes Glück beeinflussen
Unser Gehirn verarbeitet Ereignisse nicht isoliert. Es vergleicht Ergebnisse fortlaufend mit Vorhersagen. In der Lernpsychologie wird die Differenz zwischen erwartetem und eingetretenem Ergebnis als Vorhersagefehler oder reward prediction error bezeichnet.
Eine viel beachtete Studie von Rutledge und Kollegen untersuchte diesen Zusammenhang bei Entscheidungsaufgaben mit finanziellen Gewinnen und Verlusten. Das momentane Glück der Versuchspersonen hing nicht einfach von ihrem Gesamtgewinn ab. Es liess sich besser durch die Kombination aus kürzlich erhaltenen Belohnungen, früheren Erwartungen und den Abweichungen von diesen Erwartungen erklären. Das Modell wurde anschliessend mit Daten von 18’420 Personen repliziert.[5]
Vereinfacht gesagt:
- Ein gutes Ergebnis kann enttäuschen, wenn ein noch besseres erwartet wurde.
- Ein mässiges Ergebnis kann erfreuen, wenn es die Erwartung übertrifft.
- Besonders stark reagieren wir darauf, ob etwas besser oder schlechter als erwartet ausfällt.
Das stützt den Kern der Glücksformel. Es beweist aber nicht, dass Lebensglück schlicht aus Realität minus Erwartung besteht. Die Studie erfasste kurzfristige Glücksurteile in einer begrenzten Aufgabe – nicht Sinn, Beziehungsqualität oder langfristige Lebenszufriedenheit.
2. Weshalb „Erwarte einfach weniger“ kein guter Glücksrat ist
Aus „Ergebnisse werden mit Erwartungen verglichen“ wird im Coaching schnell der Rat: Senke deine Erwartungen, dann wirst du glücklicher. Das klingt logisch, greift aber zu kurz.
Eine britische Langzeitstudie begleitete 1’601 Personen über 18 Jahre und verglich finanzielle Erwartungen mit späteren Realisierungen. Sowohl unrealistisch optimistische als auch unrealistisch pessimistische Erwartungen gingen mit geringerem langfristigem Wohlbefinden einher. Am besten schnitten Personen mit vergleichsweise realistischen Erwartungen ab.[6]
Das ist plausibel:
- Unrealistischer Optimismus begünstigt Enttäuschung und Fehlentscheidungen.
- Unrealistischer Pessimismus belastet bereits vor dem Ereignis und kann Chancen verdecken.
- Realistische Erwartungen erleichtern tragfähige Entscheidungen und können flexibel an neue Informationen angepasst werden.
Hinzu kommt das sogenannte affektive Vorhersagen: Menschen versuchen abzuschätzen, wie glücklich oder unglücklich zukünftige Ereignisse sie machen werden. Dabei überschätzen sie häufig Dauer oder Reichweite emotionaler Folgen. Wir vergessen beispielsweise, dass der künftige Alltag neben einer Beförderung, Trennung oder Anschaffung weiterhin aus vielen anderen Erfahrungen bestehen wird.[7]
Die bessere Empfehlung lautet deshalb nicht:
„Erwarten Sie möglichst wenig.“
Sondern:
Unterscheiden Sie Hoffnung, Anspruch und Prognose – und prüfen Sie, ob Ihre Erwartungen realistisch, hilfreich und anpassbar sind.
Starre Erwartungen können auch erklären, warum erfolgreiche Unternehmer trotz objektiv guter Voraussetzungen feststecken.
3. Was Akzeptanz psychologisch bedeutet
Akzeptanz wird oft missverstanden. Sie bedeutet weder, eine Situation gutzuheissen, noch Unrecht zu dulden oder Veränderung aufzugeben.
In der Acceptance and Commitment Therapy (ACT) ist Akzeptanz Teil der psychologischen Flexibilität: der Fähigkeit, mit Gedanken und Gefühlen in Kontakt zu bleiben, ohne ihnen automatisch folgen oder sie um jeden Preis beseitigen zu müssen – und zugleich so zu handeln, wie es den eigenen Werten entspricht.[8]
Praktisch unterscheidet ACT zwischen zwei Ebenen:
- Inneres Erleben: Kann ich Angst, Trauer, Unsicherheit oder Enttäuschung wahrnehmen, ohne mich vollständig von ihnen steuern zu lassen?
- Äusseres Handeln: Kann ich mein Verhalten an meinen Werten und an den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten ausrichten?
Eine Meta-Analyse von 151 Studien fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen psychologischer Inflexibilität und geringerem Wohlbefinden. Die gemittelte Korrelation lag bei r = −0,47. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass ein grosser Teil der Daten querschnittlich war: Der Zusammenhang ist gut belegt, die Kausalrichtung damit aber noch nicht vollständig geklärt.[9]
Eine Meta-Analyse zu den Wirkmechanismen von ACT umfasste 67 Studien mit insgesamt 9’123 Teilnehmenden. ACT verringerte verschiedene Formen psychologischer Inflexibilität und erhöhte flexible Prozesse; diese Veränderungen waren mit einer Abnahme psychischer Belastung verbunden.[10]
Das ist die wissenschaftlich fundierte Entsprechung des Akzeptanzanteils unserer Formel: Nicht das unangenehme Gefühl muss zuerst verschwinden. Entscheidend ist, ob wir mit ihm flexibel umgehen und trotzdem sinnvoll handeln können.
4. Von der populären Formel zu einem fundierten Coachingmodell
Damit die Ausgangsformel psychologisch brauchbar wird, müssen ihre Begriffe sauber definiert werden.
Erwartete Realität
Die Vorstellung davon, wie das Leben, andere Menschen oder wir selbst sein sollten. Erwartungen können auf Erfahrung, Zielen, sozialen Vergleichen, familiären Regeln oder Wunschbildern beruhen.
Echte Realität
Nicht die absolute Wahrheit, sondern die bestmögliche Beschreibung dessen, was momentan beobachtbar ist. Sie sollte von Interpretation getrennt werden:
- Beobachtung: „Ich erhielt eine Absage.“
- Interpretation: „Ich werde beruflich nie erfolgreich sein.“
Akzeptanz
Die Bereitschaft, den aktuellen Zustand und die dazugehörigen inneren Reaktionen zunächst anzuerkennen. Akzeptanz beantwortet die Frage: Kann ich sehen, was jetzt tatsächlich da ist, ohne zusätzliche Energie in Verleugnung, Selbstverurteilung oder aussichtslosen inneren Kampf zu investieren?
Akzeptanz als Teiler
Akzeptanz im Nenner ist kein etablierter psychologischer Rechenschritt. Als Bild soll die Division ausdrücken: Je mehr psychologische Flexibilität im Umgang mit einer enttäuschenden Abweichung vorhanden ist, desto weniger muss diese Abweichung das gesamte Erleben bestimmen. Praktisch umfasst dies zwei Perspektiven:
- Akzeptanz der äusseren Realität: Was ist gegenwärtig tatsächlich der Fall?
- Akzeptanz der inneren Realität: Welche Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle sind als Reaktion darauf vorhanden?
Diese doppelte Perspektive verhindert zwei typische Fehler: die Realität schönzureden oder sich für die eigene Reaktion auf sie zu verurteilen. Mathematisch bleibt die Darstellung allerdings ungenau: Akzeptanz ist keine dimensionslose Zahl, und ein Wert von null würde eine Division unmöglich machen.
Das konsolidierte Modell
Als Merksatz behalten wir die Ausgangsidee bei:
Glück = (erwartete Realität − echte Realität) / Akzeptanz
Wissenschaftlich präziser wird sie jedoch so gelesen:
Je grösser die subjektive Lücke zwischen Soll und Ist, desto höher ist das Risiko von Enttäuschung. Je flexibler ein Mensch die äussere und innere Realität akzeptieren kann, desto weniger muss diese Enttäuschung sein gesamtes Wohlbefinden und Handeln bestimmen.
Für die praktische Arbeit ist daher folgende Darstellung sauberer:
Psychische Belastung ≈ |erwartete Realität − echte Realität| / psychologische Flexibilität
Der Betrag steht dafür, dass sowohl ein unerwartet schlechtes als auch ein unerwartet gutes Ergebnis zunächst eine Abweichung darstellt – auch wenn beide emotional unterschiedlich bewertet werden. Weil psychologische Flexibilität nicht tatsächlich als Zahl gemessen und dividiert wird, bleibt auch diese Schreibweise ausdrücklich eine Metapher. Positiv formuliert:
Wohlbefinden wird wahrscheinlicher, wenn Erwartungen realitätsnah bleiben, Realität klar wahrgenommen wird, Akzeptanz den inneren Kampf reduziert und werteorientiertes Handeln möglich bleibt.
Das Zeichen „≈“ ist entscheidend: Es handelt sich um eine strukturierende Annäherung, nicht um eine messgenaue Gleichung. Glück bleibt multidimensional. Soziale Beziehungen, körperliche und psychische Gesundheit, materielle Sicherheit, Persönlichkeit, Autonomie, Sinn und gesellschaftliche Bedingungen verschwinden nicht aus dem Modell.[11–12]
Vier Hebel für mehr psychologische Flexibilität
1. Die Realität beeinflussen
Nicht jede Unzufriedenheit muss akzeptiert und ausgehalten werden. Manchmal ist die richtige Antwort eine Bewerbung, ein schwieriges Gespräch, eine Grenze, medizinische Abklärung oder das Verlassen einer schädlichen Situation.
Leitfrage: Was kann ich konkret verändern – selbst, gemeinsam mit anderen oder mit professioneller Unterstützung?
2. Erwartungen kalibrieren
Eine Erwartung sollte weder maximale Hoffnung noch schlimmste Befürchtung als Gewissheit behandeln. Hilfreich sind Bandbreiten und Wahrscheinlichkeiten.
Leitfrage: Was ist mein Wunsch, was meine Prognose und was mein vermeintlicher Anspruch?
3. Wahrnehmung überprüfen
Katastrophisieren, Alles-oder-nichts-Denken und soziale Vergleiche können die wahrgenommene Realität verzerren. Das bedeutet nicht, jedes Problem positiv umzudeuten. Es bedeutet, Beobachtung und Interpretation auseinanderzuhalten.
Leitfrage: Welche Fakten kenne ich – und welche Geschichte erzähle ich darüber?
4. Doppelte Akzeptanz üben
Akzeptieren Sie sowohl die Situation als auch Ihre momentane Reaktion darauf. Erst danach entscheiden Sie, welches Handeln Ihren Werten entspricht.
Leitfrage: Wenn ich weder die Situation noch mein Gefühl bekämpfen müsste – welcher kleine, sinnvolle Schritt wäre heute möglich?
Standortbestimmung: Was steht zwischen Ihnen und mehr Wohlbefinden?
Nehmen Sie eine konkrete Situation, die Sie aktuell belastet. Bewerten Sie jeden Punkt von 0 = gar nicht bis 10 = sehr stark. Die Zahlen sind keine Diagnose; sie machen lediglich Muster sichtbar.
A. Erwartete Realität
- Was hätte meiner Meinung nach geschehen sollen?
- Welche Erwartungen richte ich an mich selbst?
- Welche Erwartungen richte ich an andere oder an das Leben?
- Wie stark ist diese Erwartung: 0–10?
- Ist sie eine Hoffnung, eine realistische Prognose oder ein starres „Muss“?
- Woher stammt sie: eigene Werte, Familie, Berufsumfeld, Werbung oder soziale Medien?
B. Echte Realität
- Was ist nachprüfbar geschehen?
- Was davon ist Beobachtung – und was Interpretation?
- Welche wichtigen Informationen fehlen mir?
- Was kann ich beeinflussen, was nur teilweise und was derzeit nicht?
- Wie gross ist die Lücke zwischen Soll und Ist: 0–10?
C. Äussere Akzeptanz
- Gegen welchen unveränderbaren Teil der Situation kämpfe ich innerlich weiter?
- Was befürchte ich, wenn ich die Realität anerkenne?
- Verwechsle ich Anerkennen mit Gutheissen oder Aufgeben?
- Wie gross ist meine Bereitschaft, die aktuelle Ausgangslage anzuerkennen: 0–10?
D. Innere Akzeptanz
- Welche Gefühle und Körperempfindungen sind vorhanden?
- Welche davon versuche ich wegzudrücken, zu kontrollieren oder zu verurteilen?
- Was würde ich einer nahestehenden Person in derselben Situation sagen?
- Wie freundlich und offen kann ich meiner Reaktion begegnen: 0–10?
E. Werte und Handlung
- Welcher Wert soll mein Verhalten jetzt leiten – etwa Mut, Fürsorge, Fairness, Lernen oder Verbundenheit?
- Welche Handlung würde diesen Wert in den nächsten 24 Stunden sichtbar machen?
- Brauche ich Information, Unterstützung, Erholung, eine Grenze oder ein Gespräch?
- Welcher Schritt ist klein genug, dass ich ihn tatsächlich umsetze?
Auswertung
Suchen Sie nicht nach einer Gesamtpunktzahl. Achten Sie stattdessen auf den grössten Hebel:
- Hohe Diskrepanz, geringe Einflussmöglichkeit: Akzeptanz und Selbstmitgefühl können besonders wichtig sein.
- Hohe Diskrepanz, hohe Einflussmöglichkeit: Planung und konkretes Handeln stehen im Vordergrund.
- Sehr starre Erwartungen: Prüfen Sie Ursprung, Realismus und alternative Bandbreiten.
- Starke Selbstverurteilung: Beginnen Sie mit innerer Akzeptanz, bevor Sie Lösungen erzwingen.
- Chronisch belastende äussere Bedingungen: Suchen Sie nicht nur innere Anpassung, sondern Unterstützung und strukturelle Veränderung.
Eine kurze Übung für schwierige Momente
Nutzen Sie diese fünf Sätze schriftlich oder gedanklich:
- Ich hatte erwartet, dass …
- Tatsächlich beobachte ich …
- In mir entstehen dabei …
- Davon kann ich beeinflussen …; derzeit nicht beeinflussen kann ich …
- Im Einklang mit meinem Wert … tue ich als Nächstes …
Die Übung verbindet Erwartungsklärung, Realitätsprüfung, Akzeptanz und engagiertes Handeln. Sie verspricht keinen sofortigen Glückszustand. Ihr Ziel ist eine flexiblere und wirksamere Antwort auf das, was gerade geschieht.
Akzeptanz ist kein Freipass für schlechte Verhältnisse
Das Modell darf nicht zur Schuldumkehr werden: Wer unglücklich ist, erwartet zu viel oder akzeptiert zu wenig. Äussere Bedingungen sind real. Krankheit, Armut, Gewalt, Diskriminierung, Einsamkeit oder prekäre Arbeit lassen sich nicht durch eine Denkübung auflösen.
Akzeptanz bedeutet in solchen Situationen:
- die Gefahr oder Belastung klar zu erkennen,
- die eigene Reaktion ernst zu nehmen,
- unnötige Selbstverurteilung zu reduzieren,
- und wirksame Hilfe oder Veränderung zu ermöglichen.
Werden psychische Beschwerden stark, anhaltend oder beeinträchtigen sie Alltag, Schlaf, Beziehungen oder Arbeitsfähigkeit, gehört die Abklärung in fachkundige Hände. Coaching kann Reflexion und Umsetzung unterstützen, ersetzt aber keine Psychotherapie, psychiatrische oder medizinische Behandlung.
Fazit: Glück entsteht nicht durch niedrige Ansprüche
Die Forschung bestätigt einen Teil der populären Glücksformel: Erwartungen prägen, wie wir Ergebnisse emotional bewerten. Sie zeigt aber ebenso, dass künstlich niedrige Erwartungen kein verlässlicher Weg zu mehr Wohlbefinden sind. Hilfreicher sind realitätsnahe Erwartungen und die Fähigkeit, sie anhand neuer Erfahrungen anzupassen.
Akzeptanz ergänzt das Modell um einen zweiten entscheidenden Prozess. Wer unangenehme Gedanken und Gefühle nicht permanent vermeiden oder bekämpfen muss, gewinnt psychologischen Handlungsspielraum. Das Ziel ist nicht, alles gut zu finden. Das Ziel ist, die Gegenwart klar genug zu sehen, um den nächsten sinnvollen Schritt wählen zu können.
Die Ausgangsformel bleibt daher als Denkbild bestehen:
Glück = (erwartete Realität − echte Realität) / geteilte Akzeptanz
Ihre fundierte Botschaft lautet jedoch:
Nicht die Senkung aller Erwartungen macht glücklich. Entscheidend ist, Erwartungen realistisch zu kalibrieren, die innere und äussere Realität anzuerkennen und dort zu handeln, wo Veränderung möglich und wertegemäss ist.
Wer bei dieser Reflexion ein unabhängiges Gegenüber wünscht, findet im Beitrag Warum Unternehmer einen Sparringspartner brauchen eine Einordnung. Manchmal braucht Wachstum zudem mehr Klarheit statt mehr Druck.
Häufige Fragen zur Glücksformel
Kann man Glück wirklich mit einer Formel berechnen?
Nein. Glück und subjektives Wohlbefinden sind komplexe Konstrukte und werden in der Forschung mit unterschiedlichen Verfahren erfasst. Die Formel ist eine Metapher, die relevante Prozesse – Erwartung, Wahrnehmung und Akzeptanz – sichtbar macht. Sie liefert keinen objektiven Glückswert.
Ist „Glück = Realität minus Erwartungen“ wissenschaftlich bewiesen?
Nicht als universelle Gleichung. Gut belegt ist, dass die Abweichung zwischen erwartetem und erhaltenem Ergebnis das momentane Erleben beeinflussen kann. Daraus folgt aber keine vollständige Theorie des Lebensglücks.
Sollte ich meine Erwartungen senken, um glücklicher zu werden?
Nicht pauschal. Unrealistisch hohe Erwartungen können enttäuschen, doch dauerhafter Pessimismus belastet ebenfalls. Forschung spricht eher für realitätsnahe und flexible Erwartungen als für grundsätzlich niedrige Erwartungen.
Weshalb steht Akzeptanz im Nenner der Formel?
Die Division ist ein Bild und keine psychometrische Berechnung. Sie soll ausdrücken, dass psychologische Flexibilität den Einfluss einer belastenden Erwartungsabweichung abschwächen kann. Gemeint sind die Akzeptanz der äusseren Situation und der eigenen inneren Reaktion. Beides bedeutet Anerkennen, nicht Gutheissen.
Bedeutet Akzeptanz, dass ich nichts verändern soll?
Nein. Psychologische Akzeptanz schafft idealerweise die Grundlage für wirksames Handeln. Sie hilft, Energie nicht ausschliesslich im inneren Kampf zu binden. Grenzen setzen, Hilfe suchen oder eine Situation verlassen können sehr akzeptanzbasierte Handlungen sein.
Was ist psychologische Flexibilität?
Psychologische Flexibilität ist die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, im gegenwärtigen Moment orientiert zu bleiben und das Verhalten an persönlichen Werten sowie den tatsächlichen Möglichkeiten auszurichten. Sie ist ein Kernkonzept der Acceptance and Commitment Therapy.
Was ist der Unterschied zwischen Glück und Lebenszufriedenheit?
„Glück“ kann eine momentane positive Emotion bezeichnen. Lebenszufriedenheit ist stärker eine bewertende Einschätzung des eigenen Lebens als Ganzes. Eine Situation kann sich kurzfristig unangenehm anfühlen und dennoch langfristig zu einem sinnvollen oder zufriedenstellenden Leben beitragen.
Wann ist Coaching nicht ausreichend?
Bei akuten Krisen, Suizidgedanken, Traumafolgen, schweren Depressionen, ausgeprägten Angst- oder Suchterkrankungen sowie deutlichen Einschränkungen des Alltags ist professionelle psychotherapeutische, psychiatrische oder medizinische Unterstützung angezeigt. In akuter Gefahr sollten lokale Notfallangebote kontaktiert werden.
Quellen und weiterführende Literatur
- Popik, B. (2026). Happiness equals reality minus expectations – dokumentierte frühe Fundstellen. (Quelle zur Zitatgeschichte, keine psychologische Evidenz.)
- Baucells, M., & Sarin, R. K. (2012). Engineering Happiness: A New Approach for Building a Joyful Life. University of California Press. (Wissenschaftsnahes Sachbuch, keine klinisch validierte Gesamtformel.)
- Gawdat, M. (2017). Solve for Happy: Engineer Your Path to Joy. North Star Way. (Populärwissenschaftliches Modell, keine klinische Validierung.)
- Young, S. (1998–2017). Working With Physical Discomfort During Meditation. (Ursprung der Metapher „Suffering = Pain × Resistance“.)
- Rutledge, R. B., Skandali, N., Dayan, P., & Dolan, R. J. (2014). A computational and neural model of momentary subjective well-being. Proceedings of the National Academy of Sciences, 111(33), 12252–12257. https://doi.org/10.1073/pnas.1407535111
- de Meza, D., & Dawson, C. (2021). Neither an Optimist Nor a Pessimist Be: Mistaken Expectations Lower Well-Being. Personality and Social Psychology Bulletin, 47(4), 540–550. https://doi.org/10.1177/0146167220934577
- Wilson, T. D., & Gilbert, D. T. (2013). The impact bias is alive and well. Journal of Personality and Social Psychology, 105(5), 740–748. https://doi.org/10.1037/a0034292
- Association for Contextual Behavioral Science. The Six Core Processes of ACT. (Fachgesellschaftliche Einführung in das ACT-Modell.)
- Ong, C. W., Barthel, A. L., & Hofmann, S. G. (2024). The Relationship Between Psychological Inflexibility and Well-Being in Adults: A Meta-Analysis. Behavior Therapy, 55(1), 26–41. https://doi.org/10.1016/j.beth.2023.05.007
- Macri, J. A., & Rogge, R. D. (2024). Examining domains of psychological flexibility and inflexibility as treatment mechanisms in ACT. Clinical Psychology Review, 110, 102432. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2024.102432
- Helliwell, J. F., & Putnam, R. D. (2004). The social context of well-being. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 359(1449), 1435–1446. https://doi.org/10.1098/rstb.2004.1522
- Wilkie, L., Fisher, Z., Geidel, A., Goodall, I., Kamil, S., Davies, E., & Kemp, A. H. (2026). A systematic review and network meta-analysis of randomized controlled trials of well-being-focused interventions. Nature Human Behaviour, 10, 715–726. https://doi.org/10.1038/s41562-025-02369-1